Vor 100 Jahren, 1917: Der Weltkrieg verändert die dörfliche Situation auch in Mihla 

Dem Jubel und der Hoffnung auf einen baldigen Sieg, der bei Kriegsausbruch 1914 allgemein vorherrschte, folgten bald erste Bedenken und, zunächst noch auf wenige Familien beschränkt, persönliches Leid. 1914 fielen bereits 4 Mihlaer, weitaus mehr waren verwundet worden. Schon am 22.8.1914 war der Pionier Friedrich Wilhelm Fehr als erster Mihlaer bei Namur in Frankreich gefallen. 

Fortan bestimmten zwei Ereignislinien das offizielle Leben im Ort. Flaggenhissen und Glockengeläut und Dankesgottesdienst bei den noch zahlreichen deutschen Siegen (insbesondere gefeiert wurde der Sieg bei Tannenberg 1915) und immer wieder eintreffende Todesnachrichten mit anschließenden Heldengedenkgottesdiensten, ständige Geldsammlungen, Zahlungen des Gemeinderates an die Soldatenfamilien, um deren schlechte soziale Lage wenigstens etwas zu verbessern, und ab 1915 auch immer wieder Geld-, Lebensmittel- und Wäschesammlungen für die im Feld stehenden Krieger. Besonders die Frage der finanziellen Unterstützung der Soldatenfamilien gestaltete sich für den Gemeinderat mit zunehmender Kriegsdauer immer schwieriger. 

Vor 100 Jahren, 1917: Der Weltkrieg verändert die dörfliche Situation auch in Mihla 

Professor Otto Binswanger, Nervenarzt an der Uni Jena, 1852 in der Schweiz geboren und dort auch 1929 verstorben. 1919 beendete er seine Arbeiten in Jena.

 

Vor 100 Jahren, 1917: Der Weltkrieg verändert die dörfliche Situation auch in Mihla 

Ein Foto des „Roten Schlosses“ aus Binswangerschen Zeiten. Von 1895 bis 1917 war er Eigentümer. 

Im November 1917 verkaufte Professor Binswanger das „Rote Schloss“ an den westfälischen Gutsbesitzer Ludwig Scharpenseel. Alle industriellen Einrichtungen kamen sofort in dessen Hände. Der landwirtschaftliche Betrieb sollte bis zum Kriegsende im Besitz von Reinhard Binswanger, dem Sohn des Professors, bleiben. Der Verkauf stand wohl bereits im Zusammenhang mit der Absicht Binswangers, seinen Wohnort in die Schweiz zu verlegen, wo er eine größere Privatklinik eröffnen konnte. 

Bis Ende 1918 wurden erhebliche Geldsummen dorthin überwiesen. Für Mihla bedeutete das Ende der „Binswangerschen Ära" gerade in der schweren Zeit der letzten Kriegsmonate eine zusätzliche Belastung sowie Ungewissheit in vielen wirtschaftlichen Fragen, eile dem neuen Besitzer Scharpenseel doch der Ruf voraus, sich an seinen neuen Mihlaer Besitzungen ohne Rücksicht auf die Gemeinde gesund stoßen zu wollen.  

Inzwischen waren etwa 450 Männer eingezogen; es gab bereits etliche „Kriegerwitwen", denen der Ernährer nun gänzlich fehlte. Die finanzielle Lage der Gemeinde spitzte sich immer mehr zu. 

Bereits auf der Ratssitzung vom 18.1.1915 hatten die Gemeindevertretung, gar nicht der üblichen Propaganda entsprechend, den „...Abschluß eines ehrenvollen Friedens" gewünscht.

Am 23.11.1916 forderte der Rat eine stärkere finanzielle Unterstützung für die Kriegerfamilien durch den Staat. Schließlich kam am 19.12.1916 ein Beschluss zustande, in dem der Rat eine weitere Verschuldung durch erneute Darlehen ablehnte.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits 116 000 Mark an die Soldatenfamilien gezahlt worden. Außerdem gab es noch immer hohe Forderungen der Banken wegen Geldrückzahlungen, die noch aus der Zeit des Bahnbaus und des Schulbaus stammten. Deshalb wurde die Rückzahlung der Unterstützungsgelder durch die Staatskasse gefordert und dabei auf die bereits so durchgeführte Praxis in den benachbarten preußischen und gothaischen Dörfern verwiesen. 

Die Staatsregierung antwortete sehr rasch und kompromisslos. Am 17.1.1917 musste der Rat seinen Beschluss vom 19.12. aufheben und weitere 40 000 Mark bereitstellen.  

Der erneute Protest des Gemeinderates nahm nun bereits politische Formen an und machte deutlich, wie sehr die ursprüngliche Kriegsbegeisterung bereits Verzweiflung und offener Kriegsgegnerschaft gewichen waren. Man verweigerte die Aufnahme eines erneuten Kredits und offiziell wurde erklärt: „... nicht die Gemeinde Mihla, sondern der Staat (sei) zur Zahlung der Unterstützungsgelder verpflichtet. Denn nicht die Gemeinde Mihla, sondern der Staat führe Krieg und daher habe auch der Staat die hier erforderlichen Geldmittel zur Verfügung zu stellen." 

Nach längeren Verhandlungen wurde der Mihlaer Rat schließlich doch gezwungen, die Zahlung aus eigener Kasse fortzusetzen. 1917 kamen erneut 70 000 Mark Darlehen, 1918 nochmals 50 000 Mark hinzu.  

Am Kriegsende war die Gemeinde hoffnungslos verschuldet; insgesamt hatte man 276 000 Mark Darlehen beansprucht.  

Vor 100 Jahren, 1917: Der Weltkrieg verändert die dörfliche Situation auch in Mihla 

1921 wurde das Denkmal für die "gefallenen Helden" des Weltkrieges durch die Gemeinde fertiggestellt. 71 Namen mussten dort verewigt werden. 

Hinzu kamen noch mehrere Kriegsanleihen, allein im Oktober 1918 9 für insgesamt 15 000 Mark. Diese Gelder konnten nur durch die Besitzveränderungssteuer aus dem inzwischen verkauften „Roten Schloss“ erbracht werden. Bei dieser finanziellen Belastung der Gemeinde fielen natürlich alle weiteren sozialen Ausgaben weg. Auch die Einrichtung einer dringend benötigten Lungenfürsorgeanstalt musste im August 1917 abgelehnt werden. Unter den Bedingungen des Krieges verschlechterten sich daher für die meisten Mihlaer die Lebensbedingungen sehr rasch. Die seit 1915 voll wirksam werdende Handelsblockade machte sich nun auch stärker bemerkbar.  

Zwar konnte man in Mihla durch die enge Verbindung zur Landwirtschaft noch recht günstig leben, aber verlängerte Arbeitszeit, Zunahme der schweren körperlichen Arbeit durch das Fehlen der Männer, Mangelerscheinungen und nicht zuletzt seelische Probleme durch die Sorge um im Felde stehende Angehörige forderten bald ihren Tribut. Im Winter von 1917 zu 1918 suchten nacheinander eine Grippe- und eine Typhusepidemie Mihla heim.

In der Bürgerschule musste ein Hilfskrankenhaus eingerichtet werden, in dem bis zu 100 Personen untergebracht waren. Trotzdem starben 20 Menschen an den Krankheiten.

Seit 1916 machte sich im Ort eine immer deutlich sichtbarere Kriegsmüdigkeit bemerkbar. Die gedrückte Stimmung der Einwohner wurde noch dadurch verstärkt, dass in jenem Jahr 1916 viele Mihlaer in den Kämpfen von Verdun fielen oder verwundet wurden. Immer häufiger konnte man in den Soldatenbriefen die Hoffnung auf einen baldigen Friedensschluss lesen. Davon war man aber noch weit entfernt. 

Unter den Bedingungen des Krieges verlief das Alltagsleben der Menschen in jenen Jahren sehr einfach und entbehrungsreich. Es gab wenig Höhepunkte, besonders ab 1916, als sich die Todesnachrichten häuften. So wurde auch das 25jährige Amtsjubiläum des Bürgermeisters Baumbach im Juni 1915 nur „im kleinen Rahmen" begangen. Durch die Einberufung von Lehrern und des Arztes 1915 verschlechterten sich die Verhältnisse weiter.

Und es sollte im letzten Kriegsjahr 1918 noch schlimmer kommen! 

Rainer Lämmerhirt

 

 

 

 

 

 

 

Mihla,05. 04. 2017 zurück zur Chronikübersicht