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Stand Juli 2020
Wie der Krieg entstand: Der 30jährige Krieg von 1618 bis 1648 gilt als einer der verheerendsten Kriege in der deutschen Geschichte. Eine internationale Auseinandersetzung der damaligen Großmächte und der Papstkirche wurde auf deutschem Boden ausgetragen. Im Jahr 1616, vor 400 Jahren, errichte diese Auseinandersetzung dann auch unser Gebiet mit voller Wucht.
Nach 30 Jahren waren über sieben Millionen Menschen nicht mehr am Leben. Die Bevölkerungsverluste lagen damit über denen des 1. und auch des 2. Weltkrieges.
Das Land war völlig ausgeplündert. Neben der wütenden Soldateska hatte dazu auch der ständige Verfall der Währung, aber noch mehr die durch die Soldaten immer wieder eingeschleppten Krankheiten, Pest, Ruhr und andere, beigetragen. Ganze Landstriche waren völlig verödet und menschenleer.
Meine Großmutter, Jahrgang 1898, erzählte mir vor vielen Jahren, als ich in dem Alter war, Geschichten von früher in mich aufzusaugen und begann, nach Erklärungen zu suchen, vom "Schwedentrunk".
Mit weit aufgerissenen Augen muss ich den Worten meiner Großmutter gefolgt sein. Dann war da noch zu hören von Verstecken der Bauern, Geheimnissen in undurchdringlichen Wäldern, wütenden Soldaten, die alles daransetzten, diese Verstecke zu finden, von Feuersbrünsten und auch vom Jäger Hölzerkopf, der den Menschen damals geholfen hätte. Meine Nachfragen konnten nicht all das beantworten, was sich nun in meinem Kopf zusammenbraute, aber die Neugier war geweckt.
Heute ist mir klar, dass meine Großmutter das Wissen über jenen Krieg weitergab, dass sie von ihrer Großmutter und diese von deren Vorgängerin in den langen Wintermonaten erfahren hatte. Sicher war dabei einiges verändert worden, manches hatte man noch schlimmer erzählt, anderes war in Vergessenheit geraten. Aber mit Sicherheit war ich auf Spuren des dörflichen Wissens über diesen schlimmsten aller Kriege gestoßen, das sich über mehrere Generationen von Mund zu Mund weitergegeben und dadurch erhalten hatte. Vielleicht waren es aufgrund der dann bald beginnenden multimedialen Welt die letzten dieser Spuren.
Wie begann dieses Morden? Wir sind im Jahr 1618. Schon seit mehreren Monaten häuften sich die Nachrichten über den Unmut der Stände im Böhmischen Königreich, die Postreiter, Kaufleute und fahrendes Volk in die Orte des Werratales brachten. Aber Böhmen und seine Hauptstadt Prag waren für die meisten Menschen so unendlich weit weg, dass man sich nicht vorstellen konnte, dass daraus irgendeine Gefahr entstehen könnte.
Zudem, Streit zwischen den Katholiken und den Protestanten, den gab es bereits über 60 Jahre und auch das Werratal blieb, nachdem die Nachbarorte ab Heyerode vor gut 30 Jahren wieder zum alten Glauben zurückgekehrt waren, davon nicht verschont.
Wer wagte es schon, die Eichsfelddörfer zu besuchen oder gar als junger Bursche eine Braut von dort zu nehmen, das ging nach der Meinung der Älteren überhaupt nicht! Aber sich deswegen gleich den Schädel einschlagen, das lag wohl den Bauern in unseren Dörfern fern. So etwas sollte doch den Herren vorbehalten bleiben.
Verstanden hätten die Bauern aus den Werraorten die Vorgänge im fernen Böhmen wahrscheinlich sowieso nicht und auch der Pfarrer Röhm in Mihla, ein gebildeter Mann, den man meist um Rat fragen konnte, wusste nicht Bescheid.
Vielleicht kannte der Eisenacher Herzog die tatsächlichen Zusammenhänge des "Böhmischen Aufstandes" von 1618, immerhin hatte er ja Verbindung zum sächsischen Kurfürsten und der war direkt mit den Umständen befasst.
Was war also geschehen? Eigentlicher Auslöser des Krieges war der Ständeaufstand in Böhmen von 1618. Er hat seine Wurzeln im Streit um den Majestätsbrief, der 1609 von Kaiser Rudolf II., einem katholischen Habsburger, ausgestellt worden war und den böhmischen Ständen, Adligen, Bürgern und vor allem Kaufleuten, Religionsfreiheit zugesichert hatte.
Sein ab 1612 regierender Bruder Matthias erkannte den Majestätsbrief bei Regierungsantritt zwar an, versuchte aber, die von seinem Vorgänger gemachten Zugeständnisse an die böhmischen Stände wieder rückgängig zu machen.
Als Matthias die Ausübung der evangelischen Religion überhaupt verbot, in die Verwaltung der Städte eingriff und eine im März 1618 folgende Protestnote der böhmischen Stände mit einem Versammlungsverbot des böhmischen Landtages beantwortete, stürmten am 23. Mai 1618 mit Degen und Pistolen bewaffnete Adelige die Böhmische Kanzlei in der Prager Burg.
Die dortigen Beamten wurden von dieser typisch böhmischen Aktion, Ausdruck der damaligen Streitkultur - Eindringen in öffentliche Gebäude und dann nach heftiger verbaler Auseinandersetzung den unterlegenen Gegner kurzerhand aus dem Fenster zu werfen - völlig überrascht. So kam es nun auch im Mai 1618!
Vertreter der böhmischen Stände dringen am 23. Mai 1618 in die Prager Burg ein und werfen nach alter Sitte drei königliche Beamte aus dem Fenster. Der Fenstersturz zu Prag löste einen Flächenbrand aus, der über 30 Jahre anhalten sollte. Nach einem Gemälde von Brozik aus: Bilder Deutscher Geschichte, Zigarettenbilderdienst, Hamburg 1936, Bild 32, Privatbesitz.
Am Ende einer hitzigen Diskussion mit den kaiserlichen Stellvertretern Jaroslav Borsita von Martinic und Wilhelm Slavata wurden diese beiden und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius aus dem Fenster geworfen.
Diese Tat sollte spontan wirken, war aber von Anfang an geplant. Zwar überlebten die drei Opfer dank eines auf dem Burghof aufgeschichteten Misthaufens, doch der Angriff auf die kaiserlichen Stellvertreter war auch ein symbolischer Angriff auf den Kaiser selbst und kam deshalb einer Kriegserklärung gleich. Die folgende Strafaktion des Kaisers war somit bewusst provoziert.
Ein Streichholz hätte damals genügt, um einen nicht mehr zu kontrollierenden Flächenbrand auszulösen. Was dann im Mai 1618 in Prag geschah und nach dem Tod von Kaiser Matthias mit der Wahl eines neuen böhmischen Königs durch die Stände seine folgerichtige Fortsetzung fand, war allerdings kein Streichholz mehr, sondern mindestens eine große Pechfackel.
Die Reaktionen folgten sofort! Truppen des alsbald als abgesetzt erklärten Habsburgers rückten heran, wurden durch Söldner der katholischen Liga, des Militärbündnisses der katholischen Reichsstände unterstützt, nachdem die aufständischen böhmischen Stände 1619 in einer mutigen Aktion den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum neuen König von Böhmen „gewählt" hatten.
Mit Friedrich zogen Truppen der protestantischen Union nach Prag, bereit, wegen des Glaubens (und wegen der Macht!) zu kämpfen, eine gefährliche Motivationsmischung, welche die nächsten 30 Jahre anhalten sollte.
Diejenigen, die sich auskannten, hielten die Luft an über das, was nun geschehen sollte, die meisten in Thüringen und im Werratal dachten nach wie vor, Böhmen sei weit weg.
Das war es auch, aber die Söldner aus dem Reich und aus dem Ausland machten sich auf den Weg und viele dieser Wege führten dann auch schon bald durch unsere Gegend. Eine Gegend, die in den letzten 80 Jahren seit den Unruhen des Bauernkrieges einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung genommen hatte.
Rainer Lämmerhirt
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