Gemeinde Mihla

Hainichgemeinde am Werraknie

036924/47428

 

Eine Fahrt durchs Werratal anno 1930 - Erinnerung an eine längst verloren gegangne Eisenbahnlinie...(Teil 1) 

Tempo, Tempo, schnell die letzten Stufen hinauf! Da steht der Zug noch auf Bahnsteig drei, ich habe es geschafft! 

Der Bahnbeamte streift mich mit einem strengen Blick. Die große Bahnsteiguhr zeigt 13.40 Uhr. Nur noch zwei Minuten bis zur Abfahrt des Personenzuges 2020 von Eisenach bis Treffurt. 

Über die offene Plattform klettere ich in den grünen Personenwagen 2. Klasse. Der Zug ist nur wenig mit Reisenden gefüllt, ich bekomme noch einen Fensterplatz. Geschafft! Schnell noch einen Blick aus dem Fenster. Vier Personenwagen und ein Gepäckwagen hängen an der Lokomotive. Diese gehört zur Baureihe 74 und macht schon mächtig Dampf auf. Aber sie ist rückwärts an den Zug gekoppelt! Na, man wird ja sehen. 

Noch ganz außer Atem lasse ich mich wieder auf den Sitz zurückfallen. Ein rascher Blick zu den anderen Reisenden. Mehrere geschäftig aussehende Männer kehren wohl von amtlichen Besuchen aus der Kreisstadt zurück, einige Marktfrauen schwatzen munter über ihre Verkaufsergebnisse, zwei, drei als Bauern zu erkennende Männer verhalten sich ganz still. Im letzten Abteil sitzen mehrere junge Leute, wohl Sommerfrischler, die nach ihrer Kleidung zu urteilen auf dem Weg zu einem Ausflug sind. Normaler Betrieb! 

Da ertönt die Trillerpfeife. Es ist 13.42 Uhr, der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Die Lok schnauft ganz gewaltig und schwarze Rauchschwaden ziehen am Fenster vorbei. Schwer klingen die Stöße der Treibstangen, dann wird die Fahrt schneller. 

Rasch ist der Eisenacher Bahnhof verlassen. Hoch auf dem künstlichen Bahndamm geht es über der Stadt entlang der Rennbahn in Richtung Westen. Schnell ein Blick zur Wartburg, sie grüßt auf uns herab. Schon nach wenigen Minuten verlangsamt der Zug die Fahrt: Eisenach-West. Nur ein kurzer Stopp. Kaum jemand steigt zu. 

Es geht weiter. Die Strecke gabelt sich und wir fahren entlang der Hörsel in Richtung Hörschel und Wartha. 13.53 Uhr, ein erneuter kurzer Halt in Hörschel. Als es weiter geht, überfahren wir die Hörsel. Vorsichtig fährt der Zug über die große Werrabrücke, überquert den Fluss und nähert sich schon dem neuen Bahnhof Wartha. Ein stattliches Gebäude, 1907 extra für den Abzweig der Werratalbahn neu errichtet. 

Eine Fahrt durchs Werratal anno 1930 - Erinnerung an eine längst verloren gegangne Eisenbahnlinie...(Teil 1) 

Bahnhofsgebäude in Wartha, Postkarte aus den 20er Jahren. 

Ein Ruck. Der Zug steht. Die Bauern verlassen ihn. Nun kommt Unruhe auf. Eine Gruppe Schulkinder besteigt die Waggons, lässt sich aber in den Wagen der 3. Klasse nieder. 

Warum geht es nicht weiter? Da kommt die Aufklärung. Auf dem Überholgleis fährt unsere Lok vorbei. Wartha ist für die Werratalbahn als Kopfbahnhof angelegt. Die Lok muss in die Richtung zurückfahren, aus der wir gerade gekommen sind. Dann fährt sie natürlich nicht mehr rückwärts! Aha, deshalb dauert der Aufenthalt hier auch länger. Laut meinem Taschenfahrplan geht es um 14.03 Uhr weiter. Das stimmt. Ein kurzer Ruck und wieder ziehen dichte Rauchwolken am Abteil vorbei. Wir holpern über eine Weiche. Die Strecke nach Treffurt trennt sich hier von ihrem „großen Bruder“, der Strecke nach Herleshausen und weiter nach Gerstungen. Wir bleiben links der Werra und beginnen nun unsere Fahrt entlang durch das herrliche Flusstal. Noch ein kurzer Blick zurück, am Horizont kann man die gewaltigen Ruinen der Brandenburg bei Lauchröden erkennen, dann schiebt sich schon das Massiv des Kielforstes in die Sicht. 

Schon halten wir in Pferdsdorf. Der kleine Ort liegt über uns an einem Hang. Rechter Hand bietet sich ein angenehmer Blick ins Werratal. Spichra ist zu erkennen. Wenige Bauernhäuser schmiegen sich um die kleine Kirche. 

Eine Fahrt durchs Werratal anno 1930 - Erinnerung an eine längst verloren gegangne Eisenbahnlinie...(Teil 1) 

Blick auf Hörschel. In der Mitte des Hintergrundes die große Werraeisenbahnbrücke. Am Waldrand des Zickelberges verläuft der Bahndamm der Werratallinie in Richtung Pferdsdorf.

Interessant ist das neue Wasserkraftwerk mit der großen Brücke, dahinter erhebt sich der Spatenberg. Dort soll es nicht ganz geheuer sein, Bergwichtel treiben ihr Unwesen, so habe ich es neulich in der „Tagespost“ gelesen. Schnell weiter! 

Der Zug folgt meinem Wunsch und mit mächtigem Gefauche fahren wir nun Creuzburg entgegen. Es geht etwas bergauf und die Fahrt wird langsamer. Links ist das Pferdsdorfer Köpfchen auszumachen. Einige kleinere Brücken werden passiert und dann öffnet sich das Flusstal. Die Creuzburg grüßt schon von weitem herüber. Ein gewaltiger Eindruck! 

In einem großen Bogen fahren wir in Richtung Stadt. Der Bahnhof liegt etwas außerhalb. 14.14 Uhr ist es inzwischen. Auf dem Bahnsteig ist wenig Betrieb. Die Schulkinder steigen aus, einige andere junge Leute kommen hinzu. Sie wollen in die Flussbadeanstalt nach Mihla, wie gleich zu erfahren ist. 

Im letzten Moment steigen noch einige unschwer als Arbeiter zu erkennende Reisende zu. Sie tragen in ihren Taschen Wärmeflaschen für Kaffee und auch dicke Essenpakete sind zu erkennen. Aha, sicher wollen sie zur Spätschicht in das neue Sodawerk nach Buchenau! Wie gut, dass es die Eisenbahnlinie gibt, denke ich. Dann geht es weiter. Wir sind immer noch links des Flusses. Nun wird das Tal enger. Die Berge rücken näher zusammen und Felsen werden sichtbar. Ein herrlicher Anblick.

Die Nortmannsköpfe und gegenüber die Ebenauer Klippen, so steht es im Prospekt des Werratalvereins, den ich mir extra besorgt habe. Wie im Hochgebirge. Links unten blinken die Dächer von Ebenau. 

Eine Fahrt durchs Werratal anno 1930 - Erinnerung an eine längst verloren gegangne Eisenbahnlinie...(Teil 1) 

Der Zug hat Creuzburg verlassen und fährt in den schönsten Abschnitt des Werratales ein, Postkarte um 1920.

Langsam fährt der Zug über die große Eisenbahnbrücke bei Ebenau, ein beeindruckendes Bauwerk. Direkt unterhalb der steilen Felswand geht es weiter. Rechter Hand tauchen Baureste eines alten Bahnsteiges auf. Hier muss früher der Haltepunkt Ebenau gelegen haben, der wegen des neuen Sodawerkes dann nach Buchenau verlegt wurde. 

Schon sind wir in Buchenau. Links von der Bahn drängen sich einige Bauernhöfe um ein größeres Gebäude, das Gutshaus. Dann ist der kleine Ort schon vorüber und wir halten auf freiem Felde. Oder? Nein, rechts aus dem Fenster blickend erkenne ich die Umrisse des neuen Werkes Buchenau. 

Eine Fahrt durchs Werratal anno 1930 - Erinnerung an eine längst verloren gegangne Eisenbahnlinie...(Teil 1) 

Ein Personenzug überfährt die große Werrabrücke bei Ebenau. 

R. Lämmerhirt, Fortsetzung folgt

 

 

 

 

Mihla, 28. 01. 2016