Das „Graue Schloss“ als gastfreundliches Haus

Die Familie 

Das ist das Mihlaer „Graue Schloss“ sicherlich bereits seit vielen Jahren, genauer, seitdem es im Jahre 1971 durch die damalige Gemeinde umgebaut und saniert als Gaststätte an Wolfgang Stötzel übergeben wurde. Seit über 50 Jahren leitet er die bekannte Gaststätte. Durch seine Initiative konnten in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts weitere Räume für eine Hotelnutzung umgebaut werden. 

Die Mihlaer und die Freunde des „Grauen Schlosses“ haben die Hoffnung, dass das gastfreundliche Anwesen noch lange als solches erhalten bleibt… 

Gastfreundlich war das Schloss jedoch auch schon in früheren Zeiten. Über diese wollen wir in einigen losen Folgen berichten: Im Oktober 2020 erhielt ich von der Urenkelin des letzten Harstall im „Grauen Schloss“ Georg Ludwig Ernst, ein Paket mit Familienfotos und einem alten Gästebuch. Frau Barbara Kuhlmann hatte sich davon getrennt, weil sie, die ohne Kinder oder interessierte Nachfahren in Hamburg lebt, der Meinung ist, diese Gegenstände wären im Mihlaer Museum besser aufgehoben. 

Beim Betrachten des Gästebuches stellte ich rasch fest, dass ich da etwas ganz Besonderes in den Händen hielt. 

Das Gästebuch war im Juni 1923 an die Tochter Annemarie von Harstall und deren Bräutigam, den aus Westfalen stammenden Hans Große-Brauckmann, von Annemaries Schwester Elisabeth von Gudenberg zur Hochzeit geschenkt worden. Fortan wurde das neue Buch tatsächlich als Gästebuch im „Grauen Schloss“ genutzt. Bis Anfang 1948 sind alle Besucher, ob Verwandte, Bekannte oder zufällig den Ort oder das Schloss aufsuchende Gäste, mit kleinen Sprüchen, Wünschen und Bemerkungen eingetragen. So entstand ein dicker Band voll von Namen, Erinnerungen, vor allem aber voll vom Zeitgeist dieser Jahre getragen, ein Spiegelbild konservativen adligen Denkens, eine Originalquelle, die uns jene Jahre der Weimarer Republik, der Nazizeit und des beginnenden Umbruchs nach 1945 verständlicher macht. 

Um die handelnden Personen besser zu verstehen wollen wir diese in einem ersten Teil etwas genauer vorstellen: 

Im „Grauen Schloss“ lebten 1923 der Freiherr Georg Ludwig Ernst mit seiner Ehefrau Luise, geborene Kohl, eine aus Bernburg an der Saale stammende Fabrikantentochter gemeinsam mit der jüngeren Tochter Annemarie. Nach der Hochzeit im Juni 1923 bezog die junge Familie die obere Etage des Schlosses. Schwester Elisabeth wohnte mit ihrem Mann Wolff von Gudenberg im Vorwerk auf dem Sand, dem Sandgut. Hinzu kamen verschiedene Dienstleute, Mägde und Knechte, von denen wir aber nicht wissen, ob sie direkt im Schloss oder in einem der damals noch vorhandenen Nebengebäuden untergebracht waren. Für Gäste war also ausreichend Platz. 

Zurück zu Georg Ludwig Ernst und seinen Vorfahren: Sein Vater, Karl Friedrich Wilhelm, verheiratet mit der 1827 geborenen Franziska Marie Luise Köhler, der Tochter des Mihlaer Pfarrers, hatte fünf Kinder, Georg Ludwig Ernst also vier Geschwister. Im Februar 1849 wurde Friedrich Johann August Carl geboren, der bereits mit 18 Jahren in die Armee des Großherzogs von Weimar eintrat. 

Ihm folgte Caroline Sophie Friederike Hermine Emelie, im November 1850 geboren. Sie heiratete den bürgerlichen Offizier Friedrich Fischer. 

Die zweite Tochter Marie, 1854 geboren, verstarb bereits 1884 unverheiratet. Schließlich wurde noch die Tochter Helene geboren, die den aus Geisa in der Rhön stammenden Forstmeister Paul Trautvetter heiratete und später in Weimar bis zu ihrem frühen Tode 1880 lebte. 

Das letzte Kind der Familie war der am 9. August 1861 geborene Georg Ludwig Ernst von Harstall, der schließlich die Sippe weiterführen sollte. 

Die meisten dieser Kinder wurden im Sandgut geboren, das Karl Friedrich Wilhelm bis zum Jahre 1871 bewohnte. Erst danach und wohl nach einer entsprechenden Regelung mit dem Bruder Franz Rudolf bezog die Familie die Gebäude des „Grauen Schlosses“. Allerdings berichtete Georg Ludwig Ernst, der die ersten zehn Jahre seines Lebens auf dem Sand aufwuchs, später davon, dass das Leben in der Abgeschiedenheit des Sandvorwerkes für einen Heranwachsenden sehr schön gewesen sei. Hier konnte er mit den geliebten Tieren, vor allem Hunde hatten es ihm angetan, spielen und die Wohnverhältnisse waren auch nicht so beengt wie in dem unmodernen und kalten Schlossgebäude auf dem anderen Werraufer. Seine Lieblingshunde „Feldmann“ und „Karo“ sollten ihn noch lange begleiten. 

Für die Familie war der frühe Tod des ältesten Sohnes Friedrich Johann August Karl während des Deutsch-Französischen Krieges sehr tragisch. Auf ihm ruhten die Hoffnungen des Vaters, das Gut bald zu übernehmen und die noch immer belastenden Forderungen zahlreicher Gläubiger auszahlen zu können. 


Karl Friedrich Wilhelm von Harstall, 1817 bis 1900, war nach der Erbteilung von 1865 Besitzer des „Grauen Schlosses“ und verfügte bald auch über die Ländereien des Rittergutes „Weißes Schloss“ seines jüngeren Bruders Franz Rudolf von Harstall. 
Die Aufnahme entstand in einem Eisenacher Fotoatelier in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. 


Franziska Marie Luise von Harstall, geborene Köhler, Tochter des Mihlaer Pfarrers und Ehefrau des Karl Friedrich Wilhelm, eine Respektsperson, die sich in allen Belangen der Mihlaer Untertanen bestens auskannte, Sammlung Kuhlmann, Mihlaer Museum. 

In der Schlacht bei Chateaudun, 50 Kilometer nordwestlich von Orleans, am 18. Oktober 1870 zwischen Teilen der französischen Loirearmee und Einheiten des bayerischen 1. Armee-Korps unter dem Kommando von General von der Tann stieß die Kompanie des 94. Infanterieregiments des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach, in dem der junge Mann als Premierleutnant und Kompaniechef diente, im Bestand der 22. preußischen Infanteriedivision auf französische Truppen. 

In einem mörderischen Häuserkampf erhielt Harstall einen Kopfschuss und war sofort tot. Er bekam von der Familie ein würdiges Begräbnis in der Familiengruft. Der Vater ließ ihm zu Ehren und auch in Erinnerung an vier weitere Mihlaer, die im Kriege den Tod fanden, auf dem Mihlaer Marktplatz ein Denkmal mit den Namensinschriften der Gefallenen errichten. 

Nach dem als Heldentod verklärten Ereignis lag nun die Hoffnung der Familie auf dem jüngsten Sohn Georg Ludwig Ernst, der zu diesem Zeitpunkt gerade neun Jahre alt war. 


Friedrich Johann von Harstall, als Leutnant im 94er Regiment, aufgenommen kurz vor seinem Tod im Oktober 1870, Mihlaer Museum. 

Georg von Harstall besuchte zunächst die Eisenacher Realschule, trat dann als Einjährig-Freiwilliger in das 94er Regiment ein, leistete dort seinen Armeedienst und besuchte schließlich die Landwirtschaftliche Schule in Hildesheim. Dort wollte er sich das landwirtschaftliche Rüstzeug holen, um den Vater bei der Führung des Rittergutes zu unterstützen. 

In den 80er Jahren kehrte er nach Mihla zurück. Inzwischen hatte er mit der Fabrikantentochter Luise Kohl aus Bernburg auch eine Ehefrau gefunden, die aufgrund ihrer Mitgift alsbald in Mihla gern gesehen war. Auch Georg Ludwig Ernst durchbrach also die bereits seit Jahrzehnten bemerkbare Entwicklung nicht, sich mit finanziell gut gestellten Frauen aus der bürgerlichen Mittelschicht zu verheiraten. 

Georg kam gerade rechtzeitig nach Mihla zurück, um gemeinsam mit seinem Vater Karl nach Lösungen zu suchen, die drückende Schuldenlast, die noch immer auf dem Gesamtbesitz lastete, zu entschärfen. Er schlug eine Teilung der Güter und einen Verkauf vor. Dies erschien Karl von Harstall, der immer weniger Interesse zeigte, sich in neue finanzielle Abenteuer einzulassen, der einzige Weg, die dringend benötigten Investitionen in den Betrieb ohne weitere Hypotheken durchzuführen. 

Zwei Hochzeiten in der Familie von Harstall 

Nun zum Brautpaar des Jahres 1923, welche das Gästebuch auf dem Gabentisch zur Hochzeit erhielten: 

Dazu muss angemerkt werden, dass das Rittergut „Graues Schloss“ Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts noch immer stark verschuldet war. 

Bereits im Mai 1883 mussten der damaligen Besitzer Karl Friedrich von Harstall die bestehende Gesamtschuld ermitteln lassen. Es ging um die Erbauseinandersetzung mit seinem Sohn Georg für das „Graue Schloss“ und dem Neffen Karl für das „Rote Schloss“. 

Das Ergebnis muss für alle ernüchternd gewesen sein: Die bei der Landeskreditkasse in Weimar eingetragene Schuldenlast belief sich für beide Rittergüter auf 550 000 Mark. 

Der einzig machbare Weg erschien daher, eine Teilung der Güter und damit der Schulden anzustreben. Unter dieser Voraussetzung war Georg von Harstall dann auch bereit, das Erbe anzutreten. 

Danach umfasste das Rittergut „Rotes Schloss“ 4,6 Hektar Hofreite und Garten, 240 Hektar Wald, 155 Hektar Ackerland, die Obere Schäferei im „Tor“ (das heutige Mihlaer Rathaus) mit 0,2 Hektar, den Hof in Wernershausen mit 0,5 Hektar und dazugehöriges Ackerland von 3,5 Hektar. 


Georg Freiherr von Harstall als 14jähriger Schüler des Pfarrers zu Scherbda. Bisher unbekanntes Foto, Sammlung Kuhlmann. 

Das Mittlere „Weiße Schloss“ umfasste mit Hofreite, Garten und dem Wallgraben sowie zugehörigen Nebengebäuden 1,2 Hektar, 121 Hektar Wald und 94,5 Hektar Ackerland. Hinzu kamen das Vorwerk Münsterkirchen (Sand) mit 23,7 Hektar Wald und 4,5 Hektar Ackerland. 

Das Vordere „Blaue Schloss“ (das heutige Graue Schloss) besaß mit Hofreite, Wallgraben und Gärten 1,6 Hektar Nutzfläche, 121,9 Hektar Wald und 63 Hektar Acker. Hier kamen noch 26, 7 Hektar Wald und 4 Hektar Acker in Münsterkirchen hinzu. 

Auf dieser Grundlage wurde schließlich die Teilung des Gesamtbesitzes vereinbart. 

Der sich so ergebende Grundbesitz, über den Georg von Harstall als Rittergutsbesitzer des „Grauen Schlosses“ verfügen konnte, war allerdings immer noch sehr hoch belastet. In den immer wieder aktualisierten Grundbuchauszügen des Amtsgerichtes Eisenach, zuletzt im Dezember 1925 bereinigt, waren neben einem Wegerecht, welches die Gemeinde Mihla für die Zufahrt zur Werrabrücke über das Grundstück des Schlosses erhalten hatte, mehrere Hypotheken eingetragen, die Georg von Harstall weitgehend bis 1917 tilgen konnte. Dann brachten allerdings der Weltkrieg sowie die daraus entstehende Inflation neue Belastungen… 

Karl von Harstall hatte indessen das Rittergut „Rotes Schloss“ bereits im Jahre 1895 an den bekannten Jenaer Universitätsprofessor und Arzt Binswanger verkauft und sich in ein bürgerliches Leben nach Eisenach zurückgezogen. 

Hinzu kam, dass Georg von Harstall mit seiner Ehefrau Louise keinen Sohn und damit Erblasser gezeugt hatte. Die beiden Töchter Elisabeth und Annemarie galt es daher „günstig“ zu verheiraten. 

Das schien zunächst zu glücken. Am 10. März des Jahres 1914 heiratete der im Jahre 1883 geborene Karl Philipp Freiherr Wolff von Gudenberg in der Mihlaer Kirche die um neun Jahre jüngere Ernestine Marie Elisabeth (Rufname) von Harstall. 

Neben dem wenig später ausbrechenden Weltkrieg und der deutschen Niederlage 1918, der Revolution, die sehr bald die Daseinsberechtigung des Adels in Frage stellte, kam auch persönliches Leid in der Familie hinzu. 

Im August des Jahres 1915 war dem jungen Ehepaar Gudenberg mit Hans Dietrich zwar der erhoffte Sohn und Erblasser geboren worden, aber das Kind kränkelte ständig und die Ärzte sahen für seine Zukunft große Schwierigkeiten. 

Obwohl man sich in der Familie fürsorglich um Hans Dietrich bemühte, verstarb der Knabe bereits im November 1919 im Alter von vier Jahren in einem Eisenacher Krankenhaus. Dieser Kindstod traf die Familie sehr hart. 

Neben seinem persönlichen Leid beschäftige den Schwiegersohn von Gudenberg jedoch bald die finanziellen Folgen des verlorenen Krieges mehr. Vor allem die Inflation, die 1923 ihren Höhepunkt erreichte, ließ die letzten Geldreserven schmelzen und die Verschuldung des Gutes wuchs ins Unermessliche. Lösungen waren nun gar nicht mehr im Sicht. Während sich der „alte Baron“ immer mehr in seine Traumwelt, der Jagd, flüchtete, hoffte Wolff von Gudenberg auf eine Besserung durch einen weiteren Schwiegersohn, der in Mihla begrüßt werden konnte. 

Dieser Schwiegersohn, Hans Große-Brauckmann, war im Jahre 1901 auf dem Bauerngut Braucke in Westfalen geboren, entstammte einer reichen Bauernfamilie und kam 1920 auf Betreiben Gudenbergs als Volontär auf das Mihlaer Gut. Hier lernte er die zweite Tochter des Barons, die 1895 geborene Anna Maria (Annemarie), kennen. 

Obwohl sechs Jahre jünger verliebten sich beide und nach einer Lehrzeit als Verwalter auf einem Gut in Weberstedt war die Hochzeit bald beschlossene Sache. Zwar entstammte Große-Brauckmann nicht dem Adel, aber die finanzielle Situation seiner Familie schien dies zunächst wett zu machen. 

Im Juni 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, wurde in Mihla geheiratet. Der junge Mann, vorbildlich als Verwalter und Landwirt ausgebildet, schaltete sich auch sehr schnell in die Wirtschaft des Gutes ein. Zwar stimmte er nicht mit allen Ansichten mit dem Schwiegervater überein, auch zu dem adligen Gudenberg gab es manche Meinungsverschiedenheit, aber insgesamt passte der junge Herr viel besser in die veränderte Situation der 20er Jahre. 

Von der Schwester Elisabeth wurde zur Hochzeit das Gästebuch für das junge Paar geschenkt, denn die Brauckmanns sollten fortan im Schloss leben, während die Gudenbergs in das Sandgut zogen. 


Annemarie von Harstall (1895-1973), aufgenommen in einem Eisenacher Fotoatelier zu ihrem 21sten Geburtstag 1916, bisher unbekanntes Foto, Sammlung Kuhlmann. 


Hans Große-Brauckmann als 17jähriger Soldat bei den 4. Jägern, aufgenommen im Sommer 1918. Die Hochzeit der beiden im Jahre 1923 war der Anlass für das Entstehen des Gästebuches des „Grauen Schlosses“. 

In den nächsten Jahren war die junge Familie Große-Brauckmann bemüht, Stück für Stück die wirtschaftliche Führung des „Grauen Schlosses“ von Georg von Harstall zu übernehmen. Dazu gehörte offensichtlich auch die Öffnung des Hauses für Gäste, was man unschwer an den Eintragungen im Gästebuch erkennen kann. Nicht nur Familienmitglieder, diese auch, trugen sich jetzt ein, sondern auch Fremde, die gerade in den Sommermonaten im Schloss Quartier erhielten. 


Die zweite Eintragung im Gästebuch des “Grauen Schlosses“, 1923, im Zeitgeist konservativen adligen Denkens jener Jahre. 

Die Eintragungstexte lassen darauf schließen, das wohl Annemarie Große-Brauckmann als tüchtige Hausfrau diese Gäste gern sah und viele von ihnen übernachteten mehrere Tage, manche verbrachten sogar regelrecht ihre Ferien im „Grauen Schloss“. Ihr Ehemann Han begann sich inzwischen im Ort politisch zu engagieren. 

Bereits 1926 wurde er Ortsvorsitzender des Landbundes, einer politischen bäuerlichen Vereinigung, die der konservativen DNDP nahestand und in Thüringen auch im Landtag saß. Während diese Bauernpartei anfangs noch Front gegen die gerade in Thüringen stärker werdenden Nazis machte, änderte sich diese Haltung am Ende der 20er Jahre. Der Landbund glitt in seinen politischen Auffassungen immer stärker in Richtung nationalistischer Lösungsansätze ab, besonders, nachdem die Wirkungen der 1929 ausbrechenden Weltwirtschaftskrise auch auf dem Lande angekommen waren und die mühsam erarbeitete wirtschaftliche Stabilisierung zu zerstören begann. 

Große-Brauckmann, der auch im Gemeinderat gesessen hatte, zog sich allerdings in diesen Jahren immer mehr aus der Gemeindepolitik zurück. Dazu trug auch bei, dass im Mai 1924 das erste Kind der Familie, Sabine geboren wurde. 1927 folgte dann eine zweite Tochter, Barbara, die neben den Aufgaben im Rittergut eine verstärkte Aufmerksamkeit erforderten. 

Im Februar 1933 wurde der erst wenige Monate vorher gewählte Mihlaer Gemeinderat, in dem die SPD noch vor der NSDAP die meisten Gemeinderäte stellte, in einer dramatischen Aktion im Rathaus entmachtet und mit dem Kaufmann Paul Lämmerhirt übernahm ein NSDAP-Mitglied das Amt des Bürgermeisters. 

Große-Brauckmann, bisher bereits politisch tätig, wurde von der Leitung der Mihlaer NSDAP wegen seiner fachlichen Kenntnisse zum Ortsbauernführer vorgeschlagen und nahm dieses Amt noch 1933 auch an. 

Hintergrund dieses Vorschlags war, sich der Loyalität der konservativen adligen Kreise in der Region zu versichern. Von deren Seite ging es zunächst darum, die Tuchfühlung mit den neuen Machthabern, mit denen man in einigen Punkten sicher auch gleicher Meinung war, nicht zu verlieren. Große- Brauckmann wurde durch diesen Schritt in der Folge für viele Maßnahmen und Festlegungen der Nazis mitverantwortlich. 

Zeitzeugen berichten, dass allerdings Georg Ludwig Ernst und auch Wolff von Gudenberg über die oft arrogante und besserwisserische Art der Naziführung wenig begeistert waren. 

Die Familie Harstall hatte in den Wahlkämpfen jener Jahre ganz offen den Kampfbund Schwarz-Weiß-Rot der adlig-konservativen Kräfte unterstützt. 

Inzwischen brachte das Jahr 1933 rasche Veränderungen im Sinne der NSDAP. Mit dem Ermächtigungsgesetzt fielen die letzten Bastionen der Weimarer Verfassung und bald war auch im ländlichen Raum der Terror der einen Partei allgegenwärtig. 

Als am 16. Januar 1935 der Mihlaer Pfarrer Hoffmann, Mitglied der „Bekennenden Kirche“ und damit Gegner der von den Nazis ausgerichteten „Deutschen Christen“ im Mihlaer Pfarrhaus durch den Gemeindekirchenrat und Vertreter der Landeskirche vor die Alternative gestellt wurde, entweder den DC beizutreten, oder keine Anstellung als Pfarrer in Mihla zu erhalten, versammelten sich viele Mihlaer, die ihren Pfarrer unterstützen wollten, vor dem Pfarrhaus. 

In Sprechchören riefen sie: „Wir wollen unseren Pfarrer behalten". Sie stimmten das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ an und sangen daraus. „Und wenn die Welt voll Teufel wär.“ 

Es wird erzählt, dass der schon betagte und gesundheitlich angeschlagene Baron von Harstall bis zum Ende ausharrte und sich stündlich einen neuen Wärmestein bringen ließ. 


Georg Ludwig Ernst und seine Frau mit Gästen, Foto vor der Westseite des „Grauen Schlosses“, späte 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. 

Im Oktober 1936 wurden dann Hans Große-Brauckmann und der Mihlaer Bauer Uth von der Gestapo verhaftet. Sie mussten mehrfache Verhöre erdulden und sollten wegen „antistaatlicher Umtriebe“ verurteilt werden. Erst nachdem sich „Bekannte“ der Adelsfamilie an entscheidender Stelle eingeschaltet hatten, kamen beide Männer mit dem Schrecken davon und kehrten nach Mihla zurück. Der Zweck der Einschüchterung war allerdings gelungen. 

Die Auseinandersetzungen gingen weiter. Immer wieder wurde von offizieller Seite verlautet, dass das Mihlaer Rittergut unwirtschaftlich sei und im Rahmen der gerade verabschiedeten „Erbhofgesetze“ solle man einer solchen „überholten“ Bewirtschaftung ein Ende bereiten und effektivere Formen einführen. Ziel wurde offenbar immer mehr die Zerschlagung des Rittergutes und eine Aufteilung bzw. Übertragung an modernere Bewirtschafter. Noch aber fürchtete man auf Seiten der Nazis diesen letzten Schritt zur Zerschlagung der alten Adelsgüter. 

Große-Brauckmann geriet schon bald in einen auch öffentlich ausgetragenen Streit mit dem Ortsgruppenführer der Mihlaer NSDAP, dem Altparteigenossen Streck, der schließlich auch den NSDAP-Kreisleiter Köhler in Eisenach einbezog. 

Im Sommer 1939 stand er vor einer erneuten Verhaftung. Der Ausbruch des Krieges verhinderte dies. Große-Brauckmann wurde noch im gleichen Jahr, ebenso wie der Mihlaer Pfarrer Karl Hoffmann, zur Wehrmacht eingezogen. 

Seine Verbindungen zum Reichsnährstand führten dann jedoch dazu, dass er dieser Organisation als Fachmann unterstellt wurde und beim Aufbau von deutschen Siedlungen und Neubauerngüter im eroberten Osten zum Einsatz kam. Für die Sicherung des Mihlaer Rittergutes in den weiteren zu erwartenden Auseinandersetzungen fiel er nun allerdings aus. 


Auf vier Seiten im Gästebuch verewigten sich die Teilnehmer der Konfirmation von Sabine Große-Brauckmann, der Tochter der Familie und Enkelin des letzten Harstall, hier ein Ausschnitt. 

Von all diesen politischen Entwicklungen, Differenzen und Auseinandersetzungen erfährt man im Gästebuch des „Grauen Schlosses“ wenig. Allerdings ist auch der „neue deutsche Geist“ der Hitlerbewegung in den Eintragungen nicht erkennbar. Weiterhin steigen Sommergäste ab, die sich mit kleinen Gedichten und Sprüchen für die immer wieder gepriesene Gastfreundschaft bedanken. 

Aber auch die Familie rückt enger zusammen. Immer wieder, mehr als in den 20er Jahren, sind es nun Onkel und Tanten, die im Schloss zu Gast sind. So auch im April 1939 zur Konfirmation der Tochter Sabine, die in schwieriger Situation, wieder einmal schwebt die Gefahr der Güterenteignung über den Harstalls, groß gefeiert wird. 

Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges begannen auch trostlose Zeiten für die Bewohner des „Grauen Schlosses“. Vor allem der fehlende Enkel, der einmal die Güter und den Familiennamen weiterführend sollte, und die immer lauter werdenden Forderungen der Nazis auf Enteignung des Gutes führten zu trüben Nachdenken. 

Wirtschaftlich ging es in der Kriegszeit sehr rasch weiter bergab. Die Geschäfte führten nun Wolff von Gudenberg und dessen Ehefrau Annemarie Große-Brauckmann. Es standen kaum noch deutsche Geschirrführer zur Verfügung. Bereits 1942 waren über 300 Männer aus Mihla in die Wehrmacht eingezogen. Fremdarbeiter und Kriegsgefangene kamen auch auf dem Rittergut zum Einsatz. 

Allerdings waren für deren Zuteilung die NSDAP und die Ortsstelle des Arbeitsamtes verantwortlich. Dessen Führer ließen den Rittergutsbesitzern ihre Meinung zum Adel und vor allem zum Verhalten der Bewohner des „Grauen Schlosses“ immer wieder deutlich spüren. 

So kam es nach dem tragischen Tod von Barbara Große-Brauckmann im Sommer 1941, der jüngsten Tochter und Harstallsenkelin, zu einem erneuten Zusammenstoß mit der Naziobrigkeit. 

Das Mädchen war an einer Bauchfellentzündung verstorben.  Obwohl sie den BDM (Bund Deutscher Mädchen) beigetreten war, versagte der NSDAP-Ortsgruppenleiter Streck der BdM-Ortsgruppe, am kirchlichen Begräbnis der Familie in der Mihlaer Kirche teilzunehmen. Öffentlich erklärte er: „… das Kreuz (sei) immer der schlimmste Feind der Bewegung gewesen.“ 

Im Verlauf des Jahres 1943 wurde immer deutlicher, dass die Nazis beabsichtigten, das aus ihrer Sicht zunehmend unwirtschaftliche Rittergut unter Sequester zu stellen, also eine Zwangsverwaltung herbeizuführen, um so das Problem abschließend durch die Enteignung zu lösen. 

Der alte Baron und Wolff von Gudenberg mussten sich daher entschließen, diesem Schritt zuvorzukommen. Ein Kurzurlaub von Große-Brauckmann wurde genutzt, um das Rittergut notariell aufteilen zu lassen. Am 27. August 1943 wurden die Urkunden unterzeichnet. 


Der alte Baron mit seiner Enkelin Sabine Große-Brauckmann, Sammlung Kuhlmann, Ortsarchiv Mihla. 

Damals war der Besitz des Rittergutes erstmals in seiner Geschichte nicht an die Söhne vererbt wurden, sondern ging auf die Töchter und damit letztlich in die Verfügung der Schwiegersöhne über. Jedes der beiden so entstandenen Rittergüter verfügte über etwa 150 Hektar Ackerland, 50 Hektar Grünland und etwa 150 Hektar Wald. Die Leitung der Betriebe lag in den Händen von Wolff von Gudenberg und Annemarie Große-Brauckmann, eigentlich wurden beide Güter auch weiterhin zusammen geführt. 

Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich jedoch immer mehr. Zwar war durch die Vererbung an die Töchter der größte Druck der Nazis, das Mihlaer Rittergut unter Zwangsverwaltung zu stellen, abgewehrt, aber der weitere Kriegsverlauf und die fallenden Preise führten Ende 1944 dazu, dass eine Wirtschaftsplanung für das nachfolgende Jahr nicht mehr möglich war. Letztlich war das Mihlaer Rittergut dem wirtschaftlichen Untergang geweiht. 


Annemarie Große-Brauckmann mit ihrem Pferd Hans vor dem „Grauen Schloss“, Aufnahme aus den frühen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, Sammlung Kuhlmann, Ortsarchiv Mihla. 

All diese Entwicklungen spiegeln sich auch im Gästebuch des „Grauen Schlosses“ wieder. Mit dem Kriegsausbruch 1939 wurde es ruhiger im Schloss. Noch immer kehrten Verwandte ein, aber immer häufiger gab es dann den Hinweis „Auf Urlaub“ oder „…nach schönen Tagen zurück an die Front“. 

Offiziere tragen sich als „Gäste“ ein, die auf der Durchreise waren oder deren Einheiten 1940 zur „Auffrischung“ in den Orten der Region einquartiert waren. Diese Eintragungen sind besonders häufig vom Sommer 1940 bis Anfang 1941, als in den Worten des Gästebuches auch der Wunsch nach Frieden und baldigen Sieg ausgedrückt wurde. Dies sollte aber schon 1941 ganz anders kommen. 

Der Krieg im Osten veränderte alles. Nun waren bald verwundete Soldaten zur Genesung im Schloss untergebracht, die offenbar bei Frau Annemarie Große-Brauckmann eine gastfreundliche Aufnahme fanden. 

Nicht erwähnt werden allerdings die Namen der „Ostarbeiter“ und französischen und russischen Kriegsgefangenen, die nun in den Erntemonaten auf dem Gut schuften mussten. Sie kamen wohl über die Küche in der Knechtkammer nicht hinaus und hinterließen im Schloss keine weiteren Spuren. Dagegen stoßen wir auf etliche Eintragungen von „Dienstmädchen aus der Stadt“, von der „Wickchen“ sogar eine Freundschaft zur Gutsherrin Annemarie entwickelt hatte. Sie war seit 1941 mehrfach im Schloss untergebracht. Eingetragen im Gästebuch haben sich u. a. im Oktober 1941 auch die „Arbeitsmaiden“ Maria Thielmann und Olga Kremer aus Luxemburg, die wohl zum Hauspersonal zählten. 

Nachdenklich wurden nun auch die wenigen Eintragungen der Familienmitglieder, die sich noch als Gäste im „Grauen Schloss“ einfanden. So der Vetter Wilhelm, der noch einige Jahre zuvor eingetragen hatte „Deutsch sein heißt treu sein!“, als er im März 1943 zur Geburtstagsfeier in der Familie einen Fronturlaub im Schloss verbringen konnte, ehe er wieder in das „trostlose“ Wilhelmshafen zurück musste. Seine Hoffnung, man möge doch an allen zukünftigen Geburtstagen so frohe und schöne Stunden verleben sprechen von wenig Zuversicht. Tatsächlich war Wilhelm im Sommer 1943 nochmals im „Grauen Schloss“, wieder während eines Urlaubs, ehe er „… an den Atlantik hinaus…“ musste, von dem er als U-Bootfahrer nicht mehr zurückkehrte. Sein Wunsch; „… hoffen wir, dass tatsächlich einmal alles vorüber ist…“ erfüllte sich, allerdings ohne ihn. 


Eintragung von Vetter Wilhelm im Juni 1944 nach seinem Fronturlaub im Grauen Schloss. 

Die Eintragungen werden nun immer weniger. Stellvertretend für die allgemeine Stimmung der Eintrag eines Verwandten, „Walter“, der im Mai 1944 seinen Fronturlaub im Schloss verbrachte:“… dass der Krieg nun bald sein Ende findet.“ 

Nochmals eine Hochzeit 

Nach der Schlacht von Stalingrad und dem Untergang der 6. Armee im Februar 1943 finden sich im Gästebuch des „Grauen Schlosses“ der Familien von Harstall und Große-Brauckmann kaum noch „zivile“ Eintragungen. 

Ab und zu kehrten noch Verwandte oder Bekannte ein, oft aber bei ihrer Eintragung als „auf Urlaub“ oder „Flakhelfer“ bezeichnet. 

Im Mai 1944 waren nochmals Familienmitglieder zum 20sten Geburtstag von Sabine Große-Brauckmann zu Gast. Doch schon bald musste die junge Frau als Krankenpflegerin ins Lazarett nach Liebenstein einrücken. 


Eine Panzertruppe, die sich im November 1944 im Schloss einquartiert hatte, hinterließ diese Seite. 

So wurde es im Schloss einsam. Große-Brauckmann war im Februar 1944 der Wehrmacht unterstellt worden und geriet im Juli 1944 bei Cherbourg in Nordfrankreich in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft.  Damit wurde die Lage in Mihla für die Familie immer verzweifelter, zumal auch Hans-Joachim Wolff von Gudenberg, der Enkel des Barons, seit 1941 im Krieg war. Der alte Baron kränkelte zusehends und alle Last der Führung des Gutes lag auf den Schultern von Annemarie Große-Brauckmann. 

Von Große-Brauckmann trafen nur ganz spärliche Nachrichten ein. Die Familie erfuhr schließlich, dass er in ein Kriegsgefangenenlager in die USA verbracht worden war. 

Ende November 1944 wurden Panzersoldaten im Schloss einquartiert. Als sie ihr Quartier wieder verließen, verewigten sie sich mit der Zeichnung eines Panzers III und einem kleinen Spruch, den der Unteroffizier Georg Schmid eintrug. Auch im Januar und März 1945 kam es zu militärischen Einquartierungen. 

In dieser düsteren Situation des letzten Kriegswinters verstarb der alte Baron Georg Ludwig Ernst nach kurzer Krankheit am 28. Februar 1945. 

Im Dorf wurde gemunkelt, den Baron hätten die Sorgen ins Grab gebracht. Er erhielt sein Grab im Erbbegräbnis auf dem Mihlaer Friedhof. Die Familie selbst sah seinen Tod gerade in jener schweren Zeit als schlechtes Zeichen für die Zukunft. Und so kam es dann auch. 

Anfang April wurde Mihla Kampfgebiet. Noch am 31. März waren auf dem Rückzug der deutschen Truppen 45 Soldaten einer Einheit des Reichsarbeitsdienstes untergebracht. Oberwachtmeister Heinrich Straub leistete die letzte Eintragung im Gästebuch vor dem Einmarsch der Amerikaner. Er bedankte sich für die Aufnahme und „liebevolle Fürsorge…“ seiner Männer, die wohl am Tage darauf noch vor Beginn der Kämpfe Mihla verließen. 

Am 4. April waren die US-Soldaten im Ort. Von ihnen gibt es keine Eintragungen. Jedoch von allen Mitgliedern der Familie als „Lichtblick“ empfunden dann die Mitteilung, dass Sabine Große-Brauckmann beabsichtigte zu heiraten. 

Sie hatte während ihres Einsatzes im Lazarett Liebenstein den dort wegen seiner schweren Kopfverwundung liegenden Hauptmann Armin Kuhlmann kennen gelernt. 

Aus der Beziehung wurde bald Liebe und im Frühjahr war man sich auch mit der Familie einig, Hochzeit zu feiern. Eine nicht unbedenkliche Entscheidung, denn Kuhlmann, der im Januar 1918 als Sohn eines Missionars in Omaruru im damaligen Südwestafrika geboren wurde, war zwar aufgrund seiner Verwundung aus den Dienst der Wehrmacht ausgeschieden, seine militärische Vergangenheit konnte aber durchaus negativ gesehen werden. 

So vereinte die Verlobungsfeier am 6. Mai und die Hochzeit am 14. Juni nochmals alle erreichbaren Familienmitglieder und Freunde. Dazu zählten auch die Pfarrersfrau Hella Hoffmann und Pfarrer Moritz Mitzenheim, die sich gemeinsam mit Verwandten ins Gästebuch eintrugen. 

Pfarrer Moritz Mitzenheim, inzwischen wegen seiner Zugehörigkeit zur „Bekennenden Kirche“ und seines Einsatzes gegen die „Deutschen Christen“ bereits als zukünftiger verantwortlicher Kirchenpolitiker in Thüringen gehandelt, traute das Paar in der Mihlaer Kirche. 

Nochmals zeigte die nunmehr dem Untergang geweihte Adelsgesellschaft einen Abglanz einstiger Herrlichkeit, die Hochzeit wurde trotz aller Bedenken mit dem höchstmöglichen Aufwand gefeiert. Natürlich blieb letztlich alles doch bescheiden, aber auch aus dem Dorf gab es viele Gratulationen und Wünsche für die Zukunft. 

Was man bei den vielen während der Hochzeit geführten Gespräche wohl nicht ahnte, war die weitere Entwicklung. 


Mit der Hochzeitsfeier von Sabine Große-Brauckmann und Armin Kuhlmann im Juni 1945 entfaltete sich letztmalig die Pracht des alten Adels. Drei Wochen später quartierten sich sowjetische Truppen im „Grauen Schloss“ ein, Museum im Mihlaer Rathaus. 

Ende Juni verdichteten sich die Gerüchte über den Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Thüringen. Darüber war offiziell nichts zu erfahren, auch nicht durch die „Hessische Post“, der ersten Tageszeitung, die nach dem Kriegsende ab Mitte Mai wieder erschien und einen eigenen Thüringenteil aufweisen konnte. 

Daher war die Einwohnerversammlung, die am Abend des 29. Juni im „Mohren“ stattfand, nicht nur die erste dieser Art, sondern auch voller Unruhe und Ungewissheit. Über 200 Teilnehmer erfuhren so vom einladenden Antifaausschuss erstmals etwas über eine bevorstehende Bodenreform. 

Am Tage darauf verließen die amerikanischen Besatzungstruppen Mihla ohne jegliche Vorankündigung. Sie rückten ab, nachdem sie noch zahlreiche Beschlagnahmungen von für sie interessanten Gütern durchgeführt hatten. 

Beinahe alle im Ort noch vorhanden Kraftwagen wurden zum Beispiel von ihnen mitgeführt. Mit den Amerikanern verschwanden auch etliche Mihlaer, die einer Zukunft mit den nun zu erwartenden Russen nichts abgewinnen konnten. Aus Angst vor dem Einmarsch der Russen verbargen sich etliche Jugendliche in den Hainichwäldern. 

Zwei Tage war Mihla ohne jegliche Besatzung. Erst am 2. Juli rückten die ersten russischen Truppen ein. Was für ein Unterschied zu den Amerikanern! Die russischen Soldaten kamen mit Panjewagen und Pferdegeschirren und machten im Vergleich zu den selbstbewusst auftretenden US-Soldaten keinen guten Eindruck. 

Dementsprechend versuchte man zunächst große Zurückhaltung im Umgang mit den neuen Besatzern an den Tag zu legen. Enge Kontakte gab es vom ersten Tag an zu den Mihlaer Kommunisten um Bürgermeister Eisenträger, die sich nun wesentlich mehr Unterstützung in der Verwirklichung ihrer Ziele erwarteten. 


Auf den letzten 13 Seiten des Gästebuches berichten russische Offiziere und Soldaten, die über mehrere Monate im „Grauen Schloss“ einquartiert waren, über ihr Leben und ihre Hoffnungen. Immer wieder grüßen sie die „Gastgeberin“. 

Die russischen Truppen quartierten sich in der Schule und den beiden Schlössern ein. Die Freifrau von Harstall, die Familien Große-Brauckmann und Kuhlmann mussten im „Grauen Schloss“ eng zusammenrücken, um das Hauptquartier der Besatzungseinheit und die dazugehörigen Offiziere und deren Burschen unterzubringen und zu bewirten. Keine leichte Situation, kamen doch die meisten russischen Offiziere mit viel Hass auf die Deutschen, besonders aber für deutsche Adlige, in denen sie meist die Wurzel des Faschismus, vor allem aber des Militarismus, sahen! 

Und so zeigen die letzten Eintragungen im Gästebuch den Wandel der Zeit. In den Monaten Mai bis Ende 1945 trugen sich immer wieder „Heimkehrer“ ein, die meist eine Nacht auf dem Weg in ihre Heimat und eine ungewisse Zukunft im Schloss unterkamen. Im Oktober 1945 besuchte Pfarrer Boelter die Familie und blieb einige Tage. 

Die letzte Eintragung dann im Februar 1946 eines Unbekannten: „Die Unvollkommenheiten auf dieser Erde werden durch die Menschen geschaffen. Man muss sehr stark sein, um beide, Menschen und böse Dinge, ertragen und so weit wie möglich bessern zu können. Und doch kann uns nur der Mensch retten.“ 

Vier Tage später dann die Eintragung eines russischen Offiziers. Diese waren nun für die nächsten Monate mit ihren Burschen im Schloss einquartiert. Für die alte Frau von Harstall, die wenig später starb, war es sicher nur schwer zu ertragen und für Annemarie Große-Brauckmann und das junge Paar Kuhlmann wurde es sehr eng im Schloss. 

Die letzten 13 Seiten des Gästebuches sind angefüllt mit kyrillischen Buchstaben und Texten. Die meisten harren noch ihrer Entschlüsselung, aber was man lesen kann, berichtet von der Freude des Sieges und der Hoffnung auf Heimkehr. Aber auch Grüße an die „Frau“, also Annemarie Große-Brauckmann, lassen erkennen, dass die meisten der russischen Offiziere durchaus Anstand hatten und diesen auch zeigten. 

Was dann im nächsten Jahr folgte, darüber berichtet das Gästebuch nicht mehr: Bodenreform, Enteignung und Vertreibung der Familien. Sabine Kuhlmann behielt das Gästebuch und so kam es in die Hände von deren Tochter Barbara und so nach vielen Jahrzehnten wieder nach Mihla zurück.

- Rainer Lämmerhirt -
- Ortschronist Mihla -