1711 Aus alten Zeiten: Der Mihlaer Kirchturm drohte umzustürzen 

Der Mihlaer Kirchturm ist sehr alt. Vermutlich entstand er als Westturm der zweiten Kirche an dieser Stelle bereits im Verlauf des 12. Jahrhunderts, also in romanischer Zeit. 1711 wurde es nötig, ein neues Kirchenschiff anzubauen. Dieses war nun wesentlich größer als der Vorgängerbau. Doch schon bald zeigten sich ernsthafte Probleme: Diesmal machte der alte Kirchturm der Gemeinde große Sorgen. Schon seit längerer Zeit war der auf aufgeschüttetem Erdreich am Westrand des Kirchhofplateaus gelegene schwere Steinbau zum Hang hin abgeglitten. 

Betrug dieses Nachgeben sicherlich auch nur wenige Zentimeter, so waren doch Mauerrisse und ein sichtbares Loslösen vom Kirchenschiff die Folgen. Schon früher hatte man versucht, die Stabilität durch Balkenkonstruktionen und Klammern im Kirchturminnern und wohl auch durch das Zumauern der Arkaden im Obergeschoss zu erhöhen. Sicherlich im Zusammenhang mit dem Abriss des alten Kirchenschiffes hatten sich die Verhältnisse jedoch rasch verschlechtert. 


Blick auf den romanischen Turm der Mihlaer St. Martinskirche. Gut zu erkennen sind die sechs Eisenplatten, die den Turm mit dem Kirchenschiff verankern. 

1765 musste Pfarrer Dittmar in einem Brief an das Eisenacher Konsistorium vermelden, dass nach der kostspieligen Ausmalung des neuen Kirchenschiffes und dem Umgießen der gesprungenen großen 12-Uhr-Glocke (Anfang der 60er Jahre des 18. Jahrhunderts) nun ein neues Unglück eingetreten sei: „ ... Der Turm... (sei) nun auf einmal in solche Baufälligkeit gerathen, daß wir bereits seit dem vergangenen Heiligen Pfingstfest nicht kühnlich mehr mit den Glocken läuten dürfen, ja, zu besorgen, es möchte eine gänzliche Verwüstung erfolgen und der ruinierte Thurm alle Stund und Augenblick herunterstürzen ... (möge)." 

Die Kirchgemeinde hatte bereits den Eisenacher Baumeister Güntner zu Rate gezogen und so konnte der Pfarrer dessen Meinung ebenfalls mitteilen, dass nämlich der Turm bis zum Fundament hätte abgetragen werden müssen. 

Dittmar räumte jedoch gleich ein, dass hierfür das Kirchenvermögen zu gering sei und die Gemeinde deshalb keinen Rat wisse. 

Vorerst gelöst wurde das Problem dadurch, dass erneut Klammern und Balkenkonstruktionen in den Turm eingebaut wurden. Um den Druck insgesamt zu vermindern, wurden die Glocken (bis auf die kleine Glocke) vom Turm abgenommen. Ihr ausholender Schwung hätte das Problem nur weiter zugespitzt. Aber auf das Glockenläuten wollte die Gemeinde auch nicht verzichten. 

Auf dem Markt entstand daher ein spezielles Glockenhaus, der Vorläufer des heutigen Baus. In ihm hingen nun drei Glocken, darunter als älteste und größte jene von 1516. Die Stundenglocke verblieb auf dem Turm, wo sie auch noch heute zu finden ist. 

Also, seit 1765 besteht in Mihla ein Glockenhaus und es wird nicht mehr vom Turm geläutet. Das Glockenhaus wechselte gut 80 Jahre später nochmals seinen Standort, dorthin, wo es noch heute steht, auf Kirchengelände. 


Das bereits zweite Glockenhaus der Mihlaer Kirche, etwa 1825 an diesem Standort errichtet. 

Die Stabilitätsprobleme des Turmes wurden zwar vermindert, aber nicht geheilt. Zu DDR-Zeiten erhielt der Turm eine stabile Verankerung an das Kirchenschiff. Die festen Eisenplatten, die diese Anker halten, sind an der Westseite gut erkennbar. 

Beim Abnehmen der Glocken vom Turm im Jahre 1765 wurde festgestellt, dass die 12- und die 3-Uhr-Glocken Sprünge aufwiesen. Die Gemeinde entschloss sich trotz der kostenaufwendigen Baumaßnahmen zum Umguss beider Glocken. Der Eisenacher Glockengießer Kutschbach erhielt dazu den Auftrag. 

Das ist aber schon wieder eine andere Geschichte… 

- Ortschronist Mihla -