Gemeinde Mihla

Hainichgemeinde am Werraknie

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Kirmeschronik

Zur Geschichte der Mihlaer Kirmesfahne

Mihlaer Kirmes

Am 19. September 1998 feierten die Mihlaer mit einem Festumzug und einem Kirmes- Traditionsabend das 150jährige Jubiläum ihrer Kirmesfahne.

Mit dieser Fahne, sie ist in den Farben "Schwarz- Rot- Gold" gehalten, hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Als Kirmesfahne wurde sie vom Herbst 1848 an immer wieder den Mihlaer Kirmesburschen vorangetragen. In erster Linie allerdings ist sie von ihrer Entstehung und Symbolik her als "politische Fahne" anzusehen.

Im Frühjahr 1848 spitzten sich überall in Europa die politischen Widersprüche zu. Die Herrschaft der Monarchen stand auf dem Spiel. In den Staaten des Deutschen Bundes wollten die Bürger mehr politisches Mitspracherecht durchsetzen. Hauptfrage war die Herstellung der Einheit. Immerhin gab es neben den beiden Großmächten Österreich und Preußen weitere 36 größere und kleinere deutsche Staaten, die alle voneinander weitgehend unabhängig waren. Blättert man in den Geschichtsbüchern über jene Ereignisse, so stellt sich bald die Vorstellung ein, die Ereignisse, die später als Revolution bezeichnet wurden, hätten sich vor allem in den größeren Städten abgespielt. Das dies nicht so war, beweisen die Ereignisse in Mihla.

Mihla war damals ein größerer Landort im Großherzogtum Sachsen- Weimar- Eisenach mit etwa 1500 Einwohnern. Noch lebten die meisten Menschen von der Landwirtschaft, doch erste kleine Fabriken, so eine Wachstuchfabrik, hatten auch eine Schicht von Arbeitern entstehen lassen. Vor allem der seit dem Jahre 1816 wieder eröffnete Jahrmarkt brachte immer wieder "fremdes Volk" in den Ort. Neuigkeiten und neue Ansichten setzten sich in Mihla daher rascher durch als in anderen Orten. Besonders die fahrenden Handwerker gehörten in den Wirtshäusern zu jenen Kräften, die von den Ereignissen und Süddeutschland und Frankreich inspiriert, auch in unserer Region Veränderungen in der politischen Ordnung erreichen wollten. Der Schuhmachermeister Johann Georg Böttger wurde zum Wortführer einer Gruppe Mihlaer, die immer lautstarker die Abschaffung der Frondienste und Abgaben an die Grundherren, die Ritterfamilie von Harstall im Grauen Schloss, forderte.

Nachdem im März die Nachrichten von Unruhen in Süddeutschland Mihla erreicht hatten, konnten diese Kräfte eine Volksversammlung auf der alten Gerichtsstätte, dem Anger, organisieren. Am 13. März 1848 versammelten sich dort einige hundert Menschen. Die Stimmung wurde immer aggressiver und schließlich setzte sich Böttger mit seiner Forderung nach Abschaffung der Frondienste und Abgaben durch. Die aufgebrachte Menge zog zum Grauen Schloß. Sogar die Glocken wurden geläutet und nach der mündlichen Überlieferung wurde eine schwarz- rot- goldene Fahne

im Zug mitgetragen. Diese Fahne, vielleicht von Mihlaer Angehörigen der freiwilligen Jägerabteilungen aus dem Befreiungskrieg gegen Napoleon stammend, ist noch heute erhalten und ist seither die Fahne der Kirmesgesellschaft.

Der Sturm auf das Graue Schloss gelang indessen ohne größere Schwierigkeiten. Der Besitzer Friedrich von Harstall weilte in Eisenach und keine Hand rührte sich, um das Schloss zu schützen. Im Gegenteil, die Schränke wurden erbrochen und alle Schränke und Truhen durchwühlt, um die Urkunden über Abgaben und Dienste zu finden.

Gerade zu diesem Zeitpunkt traf der über die Vorgänge völlig verblüffte Gutsherr in einer Kutsche ein. Das Gefährt wurde sofort umringt und ehe sich der Herr von Harstall versehen konnte, war er auf den Anger gebracht. Am Angertisch, eigentlich dem herrschaftlichen Gericht vorbehalten, musste er eine Urkunde unterzeichnen, in der er zukünftig auf Frondienste und Angaben verzichtete.

Auch das Pfarrhaus wurde "gestürmt" und der Pfarrer Köhler, verwandtschaftlich mit den Harstalls verbunden, zur Herausgabe der Pfarrzinsbücher gezwungen.

Erst am nächsten Morgen gelang es der Dorfobrigkeit, den Gerichtsdiener mit der Bitte um Hilfe nach Eisenach zu schicken.

Vier Tage später rückte eine Kompanie des Großherzoglichen Militärs nach Mihla ein. Die Soldaten besetzten beide Schlösser und das Glockenhaus vor der Kirche. Alle Anführer der Revolte vom 13. März wurden verhaftet. 7 Mihlaer, darunter Böttger, wurden nach Eisenach gebracht.

Da die politische Situation aber angespannt blieb, verzichtete man auf eine Verurteilung. Nach eingehender Vernehmung fielen alle Mihlaer unter eine Amnestie. In der schriftlichen Begründung ist zu lesen: " … der Criminaluntersuchung (würde) dazu führen, dass dieselbe fast gegen alle hiesigen Einwohner gerichtet werden müsse und dies möchte bei den jetzigen Zeitumständen wohl nicht rätlich erscheinen..."

Bald war auch die Verzichtsurkunde der Harstalls vergessen. Die vom neuen Weimarer Landtag beschlossenen Gesetze ermöglichten eine Ablösung der feudalen Lasten auf offiziellem, genehmigten Wege. Zwar ist überliefert, dass Böttger mehrfach versuchte, das Abbröckeln der radikalen Bewegung zu verhindern; im Frühjahr 1849 berichtete der Gerichtsdiener nach Eisenach, Böttger hätte mit "Heckerhut", schwarz- rot- goldener Schärpe und Säbel wieder eine Rede auf dem Anger gehalten, doch im März 1849 beendete der erneute Einmarsch einer Militäreinheit weitere Unruhen.

Führte der Sturm auf das Graue Schloss auch nicht zu bleibenden Ergebnissen, die Erinnerung an die Ereignisse wurde in der Einwohnerschaft wachgehalten. Dazu trug ganz besonders die schwarz- rot- goldene Fahne bei. In jedem Kirmeszug bekam sie ihren Ehrenplatz. Von vielen unbemerkt wurde sie zu einer regelrecht politischen Fahne. Sie überstand mit der Kirmes das "schwarz- weiß- rote Kaiserreich", in dem man sich nur ungern an die Ereignisse von 1848/49 erinnerte, ebenso wie die Jahre des III. Reiches und die DDR- Zeit.

1990 wurde das ehrwürdige Stück Tuch gegen eine neue Fahne ausgetauscht. Nun, zur diesjährigen Kirmes, wird die Mihlaer Fahne 153 Jahre alt. Zur Ehrenschleife aus dem Jahre 1948, zum hundertjährigen Jubiläum, ist eine neue von 1998 hinzukommen.

Eine wichtige Tradition aus unserer Geschichte verbindet sich mit ihr in besonderem Maße.

 
 
Mihla, 2.9.2001 - Rainer Lämmerhirt