Mihlaer Kirmes

Das wichtigste Traditionsfest unserer Gegend ist ganz sicher die örtliche Kirmes, so auch in Mihla. Während andernorts jedoch die Kirmes zu einem Buden-Jahrmarkt mit "zufällig" diesem Namen abdriftet, ist Kirmes in Mihla und Umgebung reich an alter Tradition und Bedeutung.


Kirmes ist Kirchweih


Ganz sicher die älteste Tradition in der Kirmes ist ihre Bedeutung als Kirchweih (für Youngsters: als Fest zur Einweihung der Kirche). Auch wenn heute ein wenig respektlos scherzhaft drakonische Strafen gegen mutmaßliches Einschlafen in der Kirche nach durchwachter Nacht verhängt werden, kommt im Gottesdienst der ursprüngliche Charakter des Festes zum Ausdruck, erscheint die Kirmesgesellschaft festlich gekleidet im Gotteshaus.


Die Fahne

Eine Schwarz-Rot-Goldene Fahne mit sich zu führen, ist heute nichts Besonderes. Diese Fahne OHNE Emblem zu DDR-Zeiten zu tragen, war schon ganz was anderes. Mehr oder weniger auch eine heimliche Demo zur damaligen Teilung Deutschlands. Dabei konnte man sich hinter einer viel älteren politischen Bedeutung verstecken, die auch zu DDR-Zeiten als progressiv bewertet wurde. Das 150jährige Jubiläum der Kirmesfahne im Jahr 1998 ist ein Beweis der Tradition und verweist zugleich auf den Ursprung in den 1848er Ereignissen in Deutschland und Mihla.

Die Geschichte der Kirmesfahne

Gruppenfoto

Bedeutend jünger als die Fahne ist die erst nach dem 2. Weltkrieg aufgekommene Sitte des Gruppenfotos vor dem "Krieger"-Denkmal, wie das Denkmal der Gefallenen der beiden Weltkriege manchmal etwas sinnverdrehend abgekürzt wird.

Praktisch ist dieser Ort aber schon für ein Gruppenfoto und so liegen hier für alle Jahrgänge der letzten 50 Jahre Paradefotos vor. In Ruhe betrachten kann man diese im kürzlich erschienenen "Mihlaer Kirmesbuch" Besonders für Mihlaer sind diese Bilder ein hochinteressantes Almanach der Erinnerungen, junge Leute dürften erstaunt manch honorige Herrschaft im Burschenfrack und Dame im Rüschenkleid erkennen. Aber auch Nicht-Mihlaer dürften in den raren Fotos vor und kurz nach dem Weltkrieg interessante Facetten der Zeitgeschichte entdecken

Husaren und militärische Bräuche

Recht augenfällig bei der Kirmes in Mihla und einigen wenigen anderen Orten sind die Uniformen des Stabes: Meist 3 Husaren in roter Uniform und ein Vorreiter in blauer Uniform. 

Der Bezug zu einer Kirchweih ist unklar. Möglicherweise prunkten die Söhne reicher Bauern, die allein die Ehre des Vorstandes der Kirmse erfüllen durften, mit den Uniformen, die sie zu Ihrem Dienst in den Fürstenregimentern trugen. Forschungen haben ergeben, dass bereits 1830 diese Uniformen getragen wurden. Dabei sind die roten der Husaren Uniformen der Weimaraner Husarenabteilung, während die blaue des Vorreiters von preußischen Dragoner oder Ulanen getragen wurde. 

Neben den Uniformen trägt noch manch andere Gewohnheit militärische Züge. So weckt der 1.Husar Sonntagmorgen mit einem Trompeter die Kirmesschar. Beim Ausritt der Reiterschar am Sonntag wird vor der Ankunft des Haufens beim Bürgermeister des Nachbarortes "angemeldet", was wohl der Erlaubnis zum Durchzug in Deutschlands Kleinstaaten entsprach.

Auch die Reden (Kirmes-Morgenpredigten) der Husaren auf dem Festplatz und bei "Standespersonen" heben Ihre außergewöhnliche Rolle hervor. Heute noch deklamieren die Husaren in einigen Dutzend Vierzeilern über das Geschehen in Welt und Ort im letzten Jahr, mahnen Gottesfürchtigkeit, Gerechtigkeit und Volksverbundenheit ein und bringen manch Spitze an.

Damals und oft auch heute die einzige Möglichkeit, öffentlichkeitswirksam Dinge aus der Sicht der kleinen Leute zu benennen. Vielleicht stellt dieser Teil der Tradition die Erinnerung an den Auszug von Freiwilligenregimentern in den Napoleonischen Befreiungskriegen dar. Die militärischen und rednerischen Bräuche würden dadurch erklärt, ebenso die Verknüpfung der Volkshelden mit dem viel älteren großen Fest.

Kirmestraditionen in Mihla

Husaren und Vorreiter 

Besuchen Gäste diese Feste wird oft die Frage nach der Herkunft und Bedeutung der bunten Husarenuniformen gestellt. 

Einige Antworten: Als besondere Ehre galt es, als Husar zu reiten. Diese Funktion, meist auch die der Platzmeister, hatten im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Söhne der angesehensten Bauernfamilien inne. Hier wird eine weitere Besonderheit in der Entwicklung der Kirmes sichtbar: Es war vor allem ein Bauernfest, das zugleich dem Abschluss der Ernte vorbehalten war, aber auch viel Statusdenken zum Ausbruch brachte. Sich zeigen, gesehen werden, einmal in allen Bereichen für wenige Tage Dorfobrigkeit sein, das waren Gefühle, welche die Bauernsöhne zur Kirmes ausleben konnten. 

Die Kirmesfeier war immer mit Pferden verbunden. Hoch zu Ross ging es im Umzug durchs Dorf, zum Propel, zum Frühschoppen in die Nachbarorte. Ganz wichtig war das Wettreiten, eine besondere Ehre, alle anderen Bauernsöhne geschlagen zu haben!

 

Pferde besaßen nur die „Anspänner“, die reicheren Bauern im Dorf. Deren Söhne dienten, weil sie den Umgang mit den Pferden gewohnt waren, auch meist in den Reiterregimentern der Fürsten und brachten von dort ihre Uniform mit. 

Entlassung war meist in den Herbstmonaten, so dass dies ein Grund gewesen sein kann, warum einige Mitglieder des „Stabes“ in Uniformen aufritten. 

Sich nach der Entlassung das erste Mal in der alten Uniform vor der Dorfgemeinschaft und den Mädchen zu zeigen, das gefiel! 


W
eimarer Husar in einer Darstellung des 19. Jahrhunderts um 1806. Die Weimarer Husarentruppe entstand 1725. Nach 1808 wurde sie nur noch zu Ordonnanzdiensten eingesetzt, aus „Der bunte Rock“, Köln, Sammlung Autor. 

Wann die Tradition in Mihla aufkam, den Vorreiter in blauer preußischer Dragoner  ursprünglich Ulanenuniform und die Husaren in roten Dolmanen der Husarenabteilung aufreiten zu lassen, ist nicht eindeutig geklärt. 

Die gleiche Sitte herrscht noch heute in einigen der umliegenden Dörfer (in Lauterbach, Bischofroda, Berka, Nazza, Hallungen und Scherbda), wobei die dort vorherrschenden Farben der Dolmane (grün, blau) wohl auf die Zugehörigkeit ihrer Träger zu anderen Rekrutierungsbezirken zu erklären sind. Unsere Untersuchungen anhand ältester Fotos ergaben, dass die Mihlaer rote Husarenuniform aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon stammt. 

Vermutlich waren die ersten Mihlaer „Husaren“ ehemalige Angehörige der Weimarer Husarentruppe, die der dortige Großherzog unterhielt. Diese trugen rote Uniformen und die ältesten uns bekannten Fotografien von Husaren zeigen Uniformen, die jenen der Weimarer Haustruppe sehr ähnlich sind. Eigentlich kein Wunder, gehörte doch der große Marktort Mihla zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. 

Erst nach 1866, als der Großherzog seine eigene Militärhoheit aufgeben musste, wurden Mihlaer Männer auch in die preußischen Husaren- und Ulanenregimenter eingezogen, tauchten preußische rote und blaue Husarenuniformen im Ort auf, Uniformen, die ebenfalls durch Fotos zu belegen sind und die meist die Grundlage für Neuanfertigungen der Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg bildeten. 

Wichtig zur Unterscheidung des Alters der auf Fotos zu sehenden Uniformen ist ein Blick auf den Dolman oder die Attila, die Husarenjacke mit ihren verzierenden farbigen Schnüren. Die ältesten erhaltenen Kirmesfotos zeigen eine sehr dichte Verschnürung des Brustteils der Uniform. Bis zu 18 solcher Brustschnüre waren üblich. Solche Husarenuniformen wurden in Deutschland typisch in der Zeit der Befreiungskriege (1813-1815) und in den Jahrzehnten danach bis etwa 1850 getragen. Danach, von Preußen auf königlichen Befehl von 1853 ausgehend, setzten sich schnell die fünfreihige bequemere Attila durch, wie sie dann in Mihla in der Zeit vor und nach dem 1. Weltkrieg getragen wurde. 


Eine der ältesten erhaltenen Kirmesfotografien zeigt drei Mihlaer Husaren um 1910 in der traditionellen älteren Uniform, dem meist 18reihigen Dolman. 

Häufig wurden Husarenuniformen durch Mihlaer Schneider neu hergestellt. Dabei geschah es schon oft, dass eigenwillige Uniformtypen entstanden, die nur noch entfernt an die Originale erinnerten. Wichtig war, dass der Träger gut darin aussah. 

Wie wir aus den Berichten vom Ablauf der Kirmesfeiern in Mihla und auch aus den Fotos der Jahre nach dem 1. Weltkrieg wissen kam immer wieder einmal eine blaue Husarenuniform zum Einsatz. 

Diese Uniform hat ihre eigene Geschichte. Bei ihr handelt es sich tatsächlich um eine Originaluniform eines Kassler Husarenregiments und auch der Husar, der in dieser Uniform kurz vor dem 1. Weltkrieg diente, ist bekannt. 

Auch nach dem 2. Weltkrieg wurde diese Uniform ab und zu getragen. So sind mir aus meiner Jugendzeit noch Helmut Hering, Bernhard Scheibe und Herbert Böhnhardt mit einer blauen Husarenuniform im Gedächtnis. 

Husarenuniform aus dem Jahre 1912 


Husarenregiment Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg 2. Kurhessisches Regiment Nr. 14 („Blauen Husaren“) Stationiert in Kassel und Wilhelmshöhe. Attila: dunkelblau mit weißem Schnurbesatz Kolpak: ponceaurot. 

Im Zusammenhang mit den Uniformen des Stabes ist auf weitere Besonderheiten der Mihlaer Kirmes zu verweisen: Nur in Mihla reitet ein Vorreiter. Zwar sind ältere Fotografien aus dem Nachbarort Lauterbach bekannt, auf denen ebenfalls ein Vorreiter in Dragoneruniform zu erkennen ist, doch scheint diese Sitte vielleicht durch die Zugehörigkeit zur gleichen Kirchgemeinde beeinflusst zu sein und bestand wohl auch nur bis in die Zeit Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. 

Aber auch der Anblick des Mihlaer Vorreiters hat sich im Verlauf der Kirmesfeiern geändert. Auf den ältesten Fotografien ist der Vorreiter in einer Ulanenuniform zu erkennen. Typisch für die Ulanen der Zeit um 1900 war die Tschapka, eine aus Polen (dem Herkunftsland der Waffengattung der Ulanen, der leichten Lanzenreiterei) stammende traditionelle Kopfbedeckung, und der vorne geschlossene Uniformrock, die Kurtka. 

Wann denn die Sitte, als Vorreiter nicht mehr in Ulanenuniform aufzureiten gegen die bis heute übliche blaue Dragoneruniform zu wechseln aufkam, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, hat aber vielleicht auch mit Änderungen der Rekrutierungsbezirke der Mihlaer Militärtauglichen zu tun.

Weltliche Freuden

Wahrscheinlich war das Fest der Kirchweih im Mittelalter auch bald mit einem Großem Markttag verbunden, eine Seltenheit zu seiner Zeit, die gebührend mit leiblichen Genüssen gefeiert wurde. Der Herbst, wenn alle die Plackerei der Ernte vorbei und alle Scheunen gefüllt waren, wurde sicher nicht zufällig als Festzeit bestimmt. In Mihla übrigens immer Mitte Oktober. 

Auch wenn die Kaufhallen heute ganzjährig geöffnet sind, hat sich die die Tradition der weltlichen Genüsse gerade zur Kirmes erhalten. Schade nur, dass Sauferei, Völlerei und Tohuwabohu mancherorts derart vordergründig sind, dass Kirmes zum bloßen Sauffest verkommt.
Gefeiert wird heutzutage in Zelten oder auf dem Saal, früher gab es Kirmeslokale. Auf dem Bild ist im Hintergrund des Umzuges ein Kirmeslokal zu sehen. Schade nur, dass es heute so aussieht.
 
 

Förderverein „Mihlaer Kirmes“ e.V.

David Bunk
Hinter der Kirche 6, 99831 Amt Creuzburg OT Mihla

Telefon 036924 42349

DavidBunk@gmx.de

"Das Mihlaer Kirmesbuch"

Ein Fotoalbum mit etlichen Erläuterungen und dem Verzeichnis aller Kirmesstäbe seit 1947, zusammengestellt von Rainer Lämmerhirt, veröffentlicht vom Heimat-und Verkehrsverein Mihla e.V., als Band 9 der Westthüringer Heimatschriften, 1998.

Zu beziehen über:

Heimat-und Verkehrsverein Mihla e.V.
99831 Amt Creuzburg OT Mihla, Marktstr. 18
Tel. 036924 / 38017


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